Leihmutterschaft: Gekaufte Kinder vermissen ihre Mutter

„Leihmutterschaft vergisst immer die Kinder – ihr Wohl, ihre Beziehungen und ihre Identität. Ich bin ein solches vergessenes Kind“ Olivia Maurel wurde 1991 von einer Leihmutter geboren. Heute ist ihre Autobiografie „Wo bist du, Mama? – Die Wahrheit über Leihmutterschaft“ einer der wenigen Belege für das Leid der gekauften Kinder.

„An mir klebt ein Preisschild“ und „das Gefühl, verlassen worden zu sein, verfolgt mich mein ganzes Leben“ – Maurels Aussagen erschüttern, aber sie überraschen nicht. Dass Vater, Mutter und Kind zusammengehören, und dass zwischen Mutter und Kind eine einzigartige Verbindung besteht, ist apriorisches Wissen. Jeder von uns hat einen Nabel auf seinem Bauch. Auch Jens Spahn hat einen.

Jeder Mensch weiß, wie böse es ist, ein Kind in dem Wissen zu zeugen, es direkt nach der Geburt seiner Mutter wegzunehmen und zu verkaufen. Ein Blick in ihre Gesichter, wenn es das erste Mal auf ihrer Brust liegt, gibt genauer Auskunft. „Nach der Geburt in eine kalte, helle, laute und unendlich weite Welt – der Ent-Bindung – braucht es sofort wieder Bindung“, schreibt die Stillberaterin Hanne Kerstin Götze 2014 in der FAZ. Was sie mit Blick auf das Risiko der U3-Fremdbetreuung in Krippen ausführt, beschreibt das Leid der Kinder, die schon direkt nach der Geburt und für immer von ihrer Mutter getrennt werden, im besonderen Maße:

Es braucht die unmittelbare Nähe zu genau dieser Person, eben seiner Mutter: ihre Wärme, ihre Haut, ihren Herzschlag, ihre Stimme, ihr Gesicht und die Milch aus ihrer Brust für das bis dahin unbekannte Hungergefühl im Bauch. Dann wird das Kleine wieder still und friedlich, es fühlt sich wohl. Es kommt in seinem Innersten an: Ich werde geliebt.

Gerade Hebammen und Geburtshelfer könnten in der aktuellen Debatte Partei ergreifen und das Verbrechen der Leihmutter-Industrie an den Kindern in Worte fassen. Indirekt tun sie das schon. Hebammen bringen unsere tiefste Ahnung, was ein Baby nach der Geburt braucht, und den neusten Stand der Forschung auf einen Nenner.

Brutaler Bindungsabriss statt Bonding

Im Gegensatz zu dunkleren Kapiteln der Geburtsheilkunde hat das „Bonding“ heute Priorität. Das erste Kuscheln Haut an Haut ist der optimale Start für Mutter und Kind. Das Wiegen, Messen und Untersuchen kann warten. „In jedem Fall versuchen wir diese Dinge so wenig störend wie möglich und nach euren Wünschen zu erledigen“, heißt es auf der Seite einer Hebammengemeinschaft. Wichtig sei es nämlich, „diese sensible Phase des ersten Kennenlernens zu schützen und zu unterstützen.“

Auch Michael Abou-Dakn, Chefarzt an der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof schilderte 2011 gegenüber Welt, wie sehr Mutter und Kind direkt nach der Geburt aufeinander ausgerichtet sind. Was er zu sagen hat, ist das genaue Gegenteil zum brutalen Bindungsabriss zwischen Leihmutter und ihrem schreienden Säugling, der für die Übergabe fertig gemacht wird:

Das Neugeborene wird abgetrocknet und mit warmen Tüchern umgeben und bleibt dann im Hautkontakt mit der Mutter. Wenn Kinder das erleben, sind sie viel entspannter, haben einen besseren Temperaturausgleich und sind deutlich weniger gestresst. Das betrifft auch den Stillbeginn. Diese Kinder robben meist innerhalb der nächsten ein bis eineinhalb Stunden zur Brust der Mutter hoch und fangen selbst an zu trinken.

Als positive Effekte des Bondings haben auch die Mütter zum Beispiel eine verminderte Schmerzwahrnehmung und ein verbessertes emotionales Gleichgewicht. Nichts davon soll und darf laut Leihmutter-Agenturen für jene Mütter gelten, die ihre Gebärmutter „vermieten“. Das Leid der Leihmütter, die sich der psychologisch professionellen Gehirnwäsche zum Trotz über neun Monate hinweg doch an das Kind unter ihrem Herzen binden, ist ein Kapitel für sich. Alexander Wallasch hat anlässlich der Causa Spahn diese Facette der Frauenausbeutung genauer in den Blick genommen.

Gekaufte Kinder haben keine Lobby

Meist sind es Frauen in Not, und Frauen, die glaubten, sie könnten ihre Gefühle für das bestellte Kind verdrängen. Das klappt schon während der Schwangerschaft kaum und es zerreißt ihnen dann das Herz, wenn sie ihr Kind das erste Mal sehen. Falls Spahns Menschenhandel etwas Gutes hatte, dann dass nun selbst aus den elendsten Gegenden dieser Welt Berichte der betroffenen Frauen zu uns durchdringen, wie die Wirklichkeit aussieht im Vergleich zu den Hochglanz-Magazinen der Kinderwunschkliniken. Ihre Kinder aber, die in diesem weltweiten Milliarden-Geschäft schon vor ihrer künstlichen Zeugung im Reagenzglas zu einem Produkt gemacht werden, können nicht berichten, wie es ist, seine Mutter in der Lebensphase zu verlieren, in der man sie am dringendsten braucht. Sie können noch nichts außer Weinen. Mit künstlicher Nahrung werden sie ruhiggestellt.

Einen Menschen kaufen! – Warum ist das erlaubt? Man stelle sich vor, die Kinderwunschzentren würden auf Vorrat produzieren und jeder, der will, könnte sich dort auch Fünfjährige kaufen, die schon Purzelbäume schlagen und ein Lieblingsessen haben. Unvorstellbar – oder doch möglich?

Selbst Tiere haben mehr ethischen Rückhalt in unserer Gesellschaft als die Kinder der Leihmütter. Laut Tierschutzgesetz ist klar geregelt, dass zum Beispiel Welpen nicht direkt nach der Geburt und auch nicht in den ersten Wochen von der Mutter getrennt werden dürfen.

Für den Kaufvertrag eines Menschenkinds werden hingegen nicht nur die letzten Reste an Herzensbildung sondern die Erkenntnisse gleich mehrere wissenschaftlicher Disziplinen komplett ignoriert:

Bestelleltern haben keine Mutterliebe

Wer die Neurowissenschaften und die Endokrinologie, die Entwicklungspsychologie, die Perinatalmedizin und die Bindungsforschung dazu befragt, wie sehr Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder und selbst heranwachsende Kinder ihre Mutter brauchen, bekommt eine klare Antwort: Ein Kind ist bei entsprechender Pflege auch ohne seine Mutter überlebensfähig. Aber der zweite Teil der Antwort lautet, wenn man es sinnbildlich ausdrücken will: Ein Kind sehnt sich mit jeder Faser nach der Mütterlichkeit seiner Mutter. Und umgekehrt ist seine Mutter naturgemäß der Mensch, der das kleine Wesen am innigsten liebt, ganz egal wie es aussieht. Neurologischen Studien zufolge richtet sich das Gehirn einer Schwangeren exakt auf ihr eigenes Kind aus und nicht unspezifisch auf die mütterliche Versorgung irgendeines Neugeborenen.

Im Notfall können auch Ersatzmütter mit viel Feingefühl lernen zu erspüren, was das angenommene Kind gerade braucht. Klar ist jedoch, dass Bestelleltern, die keine Skrupel haben, ein Kind zu kaufen, und die bei Nichtgefallen der bestellten Ware schon auch einmal auf die vertraglich geregelten Vereinbarungen pochen, keine Mutterliebe für ihr „Wunschkind“ aufbringen.

Von der Liebe einer Mutter singen Dichter eindrucksvoller als Mediziner, doch die oben genannten medizinischen Disziplinen vermitteln auch eine Vorstellung davon, wie sehr bereits kleine Babys ihre Mama lieben. So ist heute gut erforscht, wie viele sensorische Impulse auf das kindliche Gehirn bereits im Mutterleib einwirken.

Etwa ab der 24. Schwangerschaftswoche ist das Hörsystem weitgehend funktionsfähig. Das Baby hört und speichert nun viele hochspezifische Geräusche seiner Mutter, ihre Stimme und ihren Herzschlag, und auch ihre Atem- und Darmgeräusche. Nach der Geburt erkennt das Kind nicht nur den individuellen Herzschlag und die Stimme seiner Mutter wieder, sondern auch ihre Sprachmelodien und Sprachmuster. Im Tragetuch – sicher gebunden an ihre Mutter – finden deshalb die meisten Babys tiefe Entspannung. Sie erkennen sogar den Rhythmus ihrer Bewegungen wieder.

Starke Wiedererkennungsreize nach der Geburt

Mindestens ebenso intensiv wie auf die unverwechselbaren Klänge reagieren Neugeborene auf den individuellen Geruch ihrer Mutter, der sie sofort beruhigt. Da das Fruchtwasser viele Aromastoffe enthält, gilt der Geruch sogar als einer der stärksten Wiedererkennungsreize. Ab dem zweiten Trimester schluckt das ungeborene Kind Fruchtwasser. So nimmt es bereits früh Geschmack und Geruch wahr und wird bis zur Geburt chemisch auf seine Mutter eingestellt. Nach der Geburt beginnt das Kind deshalb von selbst in Richtung ihrer Brust zu robben („Breast Crawl“). Wenige Tage alte Säuglinge drehen sogar den Kopf schon gezielt in Richtung des Geruchs ihrer eigenen Mutter.

Ein Thema für sich in der wechselseitigen Mutter-Kind-Bindung ist das Stillen. Die Brustdrüsen der Mutter sondern nach der Geburt ein Sekret ab, das ähnlich wie ihr Fruchtwasser riecht. Die Anpassungen während der gesamten Stillzeit sind enorm. Ohne dass die Mutter das bewusst steuert, bekommt das gestillte Kind jene Milchzusammensetzung, die es gerade braucht, je nachdem ob es gerade mehr Durst oder Hunger hat. Stets sind die akut benötigten Abwehrstoffe mit dabei.

Um es kurz zu machen: Wie Mutter und Kind aufeinander bezogen sind, ist in der Natur einmalig. Deshalb muss man auch kein Psychologe sein, um zu verstehen, dass ein Kind wie Olivia Maurel, das nie die Liebe seiner Mutter erfahren hat, sich zeitlebens wie ein Fremder fühlt. Dafür reicht bereits ein kleiner Einblick in die erste Zeitspanne im Neugeborenen- und Säuglingsalter. Auch während der Kleinkindzeit und darüber hinaus prägt die Mutter als primäre Bindungs- und Bezugsperson die seelische Entwicklung ihres Kindes.

Hebammen, Stillberaterinnen, Ärzte und Forscher, jeder, der die Mutter-Kind-Bindung beruflich begleitet, ist aufgefordert, sein Fachwissen in die entbrannte Debatte einzubringen. Aus der Sicht der Neugeborenen simuliert die Leihmutter-Industrie absolute Notfallsituationen, und das inzwischen wie am Fließband. Sie kultiviert Bindungstraumata höchsten Ausmaßes zum Normalfall. Leihmutterschaft ist nicht nur ein Verbrechen an den ausgebeuteten Frauen sondern auch vor allem an den gekauften Kindern.

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