Was ist einem am Ende noch wichtig? Diese Frage stellt sich nicht nur der Hochbetagte sondern auch so mancher Politiker, bevor er Amt, Macht und Einfluss abgibt. Für eine letzte Amtshandlung mit Symbolcharakter wollte wohl auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sorgen, wenige Stunden bevor er bekannt gab, dass er bei der kommenden Abgeordnetenhauswahl nicht mehr als CDU-Spitzenkandidat antritt.
So kam es, dass Wegner am 10. Juli einen Termin im Bundesrat schwänzte und stattdessen zum Roten Rathaus fuhr, um dort eine Regenbogenflagge zu hissen.
„Berlin ist und bleibt die Regenbogenhauptstadt“, sagte der wegen seiner Lügengeschichten politisch stark angeschlagene Bürgermeister. „Mit dem Hissen der Flagge bekennen wir uns zu Vielfalt, Toleranz und Respekt und stellen uns klar gegen jede Form von Homophobie.“
Eine große Klatschkulisse hatte der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) nicht mitgebracht. Dem sich anbiedernden Politiker von der CDU steht man im queeren Lager immer noch skeptisch gegenüber. Doch Wegner, der seinen größten Amtseifer darein legte, endlich mit einem eigenen Wagen am CSD teilnehmen zu dürfen, war sich der symbolträchtigen Situation vollends bewusst, als er vor dem Roten Rathaus die Regenbogenflagge nach oben zog.
Inszenierte „letzte“ Amtshandlung
Das war nicht irgendein Termin mit dem LSVD, sondern vor dem Roten Rathaus stand ein angeschlagener Bürgermeister Berlins, dessen Rückzug vom Amt nur noch eine politische Formalie war und der deshalb deutlich mehr Medienvertreter, als zu so einem Anlass üblich, im Schlepptau hatte. Es war eine bewusst inszenierte „letzte“ Amtshandlung.
Wegners Auftritt war ein gezielter Schlag ins Gesicht all jener, die die queer-politische Vielfalts-Doktrin ablehnen. Gerade im Sommer gibt es da kein Entrinnen. Die Regenbogen-, Trans-, und Pride-Symbolik ist allgegenwärtig: Auf und in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Supermärkten, beim Sport, in Parks und Fußgängerzonen, in Unis und Schulen, in Museen und Bibliotheken, und sogar in Krankenhäusern ist das Bekenntnis zur „sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt“ so penetrant, dass sich – wir verwenden folgendes Attribut bewusst – normale Menschen etwas sonderbar vorkommen.
Und nun wieder einmal mit voller Provokation auch dort, wo die sexuellen Sonderinteressen einzelner Gruppen eigentlich keine Rolle spielen sollten. Dort, wo eigentlich die Deutschlandflagge wehen sollte: Vor einem der wichtigsten Amtsgebäude der Hauptstadt. Gehisst von ihrem Bürgermeister.
Schwarz-Rot-Gold – Heimat für alle Deutschen
Weichen musste Schwarz-Rot-Gold. Dabei gibt es kein eindringlicheres Symbol für die Zusammengehörigkeit und Verbundenheit aller Deutschen, egal wie sie geschlechtlich und sexuell empfinden. Die Farben der Bundesrepublik Deutschland sollen Heimat für alle Bürger sein. Das war der Gedanke vor über 200 Jahren, als junge Menschen ein sichtbares Zeichen für die deutsche Einheit wählten.
Die fortan gemeinsame Geschichte der deutschen Staaten brachte eine wachsende gemeinsame Kultur und gemeinsame Werte mit sich, die stark genug waren, die nach dem Weltkrieg politisch erzwungene Teilung Deutschlands ohne Gewalt zu überwinden. Schwarz-Rot-Gold steht für friedlich erkämpfte Freiheit und damit für eine nationale Identität, die vom Volk ausgeht, von jedem einzelnen – auch heute noch: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Freiheit und Menschenwürde benötigen als Grundlage ein Gemeinwesen, in dem sich jeder einzelne zu Hause und angenommen fühlen kann. Jeder deutsche Bürger ist Teil dieser souveränen, freiheitlichen und geeinten Nation.
Deshalb weht vor staatlichen Institutionen als Hoheitszeichen die Deutschlandflagge. Und deshalb ist es auch ein politischer Skandal, dass ein Bürgermeister Schwarz-Rot-Gold durch eine Regenbogenflagge ersetzt. Wegners Ablehnung unserer nationalen Werte wird nämlich gerade durch das exklusive Bedeutungsspektrum der Pride-Flagge deutlich. Die bunten Streifen symbolisieren den Hoheitsanspruch einer Ideologie, die nicht inklusiv ist, sondern die vor allem auf solche sexuellen Interessen und Lebensentwürfe abstellt, die ausdrücklich nicht heterosexuell sind.
Regenbogen – Zwang und Macht
Dahinter steht eine kleine Gruppe an Menschen, die ihre abweichende sexuelle Neigung oder ihre geschlechtliche Selbstwahrnehmung zur tragenden und sichtbaren Säule ihrer Identität machen. Das heißt, sie beantworten die Frage „Wer bin ich?“ mit einem exhibitionistischen Blick in ihr Schlafzimmer und in ihre psychische Konfliktgeschichte. Ihr übersteigertes Geltungsbedürfnis ist zugleich ihr politisches Programm. Ihnen geht es nicht um vordergründig proklamierte Tugenden wie Toleranz, Vielfalt und Solidarität, die Freiwilligkeit voraussetzen, sondern vielmehr um Zwang und Macht. Das Selbstbestimmungsgesetz und vor allem das darin enthaltene Offenbarungsverbot oder die Strategie, die „sexuelle Identität“ ins Grundgesetz aufzunehmen, sind Beispiele für den totalitären Anspruch hinter der Forderung nach Akzeptanz.
Wie die „von oben“ verordnete Gender-Sprache, die die mit ihr transportierten Botschaften immer tiefer ins Bewusstsein dringen lässt, so erzielt auch die visuelle Übersättigung mit dem Regenbogen eine vergleichbare Wirkung. Er soll wie selbstverständlich überall dazu gehören. Und wie selbstverständlich soll man das, wofür er steht, gut und richtig finden, ohne noch groß darüber nachzudenken. Die „Ehe für Alle“, die Präsentation „sexueller Fetische“ mitten am Tag in der Öffentlichkeit, die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ in Kitas und Schulen, Kinder und Jugendliche, die sich als „trans identifizieren“ und auf irreversible medizinische Eingriffe zusteuern – für all das steht der Regenbogen und all das soll man gut und richtig finden. Alte Werte werden durch neue ersetzt. Aus Schwarz-Rot-Gold wird Einheits-Bunt.
Wegners „letzte Amtshandlung“ ist ein persönlicher Offenbarungseid, der noch einmal ein Ausrufezeichen hinter die jahrelange Priorität im politischen Wirken des CDU-Politikers setzt. Eine Provokation, die vor lauter Pride-Flaggen kaum noch auffällt.
