Neuer Podcast über Kentler: „Missbrauch mit System“

„Die meisten Pädophilen wollen den Kindern ungemein Gutes tun.“ Warum bekam der Hochschulprofessor Helmut Kentler in den 1970er Jahren für solche Äußerungen Zustimmung? Wie gelang es ihm, Jahrzehnte lang strukturellen Kindesmissbrauch in einem bundesweiten Netzwerk zu organisieren und das auch noch als wissenschaftliches Experiment zu tarnen?

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) berichtet seit Jahren über den Fall Kentler, der sich vor ihrer Haustür abgespielt hatte. Nun veröffentlichte sie den Podcast „Kentler: Missbrauch mit System“ und macht die umfangreiche Forschungslage zum größten Pädophilieskandal der vergangenen Jahre einem breiten Publikum zugänglich. Vier Folgen zu jeweils etwa 30 bis 45 Minuten nehmen den Zuhörer mit in Kentlers Zeit und seine Kreise. 

Auf der Grundlage aktueller Studien zu Kentler – wesentlich sind hier Teresa Nentwigs Im Fahrwasser der Emanziptation und die Forschungsberichte der Universität Hildesheim – präsentiert der HAZ-Podcast Begebenheiten und Erinnerungen aus dem Umfeld Kentlers. Zu den befragten Zeitzeugen zählen zum Beispiel Kentlers ehemalige Nachbarn aus Hannover oder Kollegen aus der Uni. Was sie von damals erzählen, verdeutlicht, warum Kentler mit seinem Taktieren und Agieren in den Jahren nach der sexuellen Revolution erfolgreich war. O-Töne von Historikern, Psychologen und Sexualwissenschaftlern bieten zudem eine Einordnung der pädophilen Verbrechen.

Kentlers Karriere – ein Wissenschaftsskandal

Folge 1 dient als Einführung. Wer war Kentler – und was ist das Kentler-Experiment? So bekommt auch derjenige einen Überblick, der zufällig auf diesen True Crime Podcast gestoßen ist.

Folge 2 beschäftigt sich mit Kentlers akademischem Werdegang und damit, wie seine rasante Karriere es ihm ermöglichte, seine pädophilen Visionen in Publikationen, Gutachten und gesellschaftliche Forderungen einfließen zu lassen. Vor allem sein sogenanntes Kentler-Experiment, die Vermittlung von minderjährigen Jungen aus schwierigen Verhältnissen an pädophile und zum Teil vorbestrafte Pflegeväter, wäre ohne seine hervorragende Vernetzung in den wissenschaftlichen Zirkeln kaum möglich gewesen.

Kentler war bereits ein Medienstar, ein gefeierter Sexualreformer, bevor er Mitte der Siebzigerjahre einen Ruf auf eine Sozialpädagogikprofessur in Hannover erhielt, berichtet im Podcast die Redakteurin Jutta Rinas, die federführend über den Fall in der HAZ publiziert. Kentlers fadenscheinige Doktorarbeit, sein Ruf an den Pädagogiklehrstuhl in Hannover und seine publizistischen Verrenkungen, um pädophile Betreuung als Segen für verwahrloste Kinder darzustellen, seien für sich schon ein Wissenschaftsskandal.

Seelisch gebrochene Opfer

Folge 3 widmet sich den Opfern Kentlers. Psychologen und Kriminologen erklären, wie pädophile Täter ihr Handeln vor sich selbst rechtfertigen und wie sie ihre Opfer dabei seelisch zerbrechen. Jahrzehnte später haben viele immer noch nicht die Kraft, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Trotz der bundesweiten Dimension des Kentler-Netzwerks und prominenter Aufrufe in den Medien, dass Betroffene gesucht würden, habe sich kaum eine Handvoll der Opfer bei den Wissenschaftlern gemeldet. Letztlich sind es zwei Betroffene, die seit Jahren einen Großteil der medialen Berichterstattung über die Opfer ausmachen. Bekannt ist auch der Suizid eines jungen Mannes im Jahr 1991, zu dem Kentler, wie er selbst in einem Brief schreibt, eine „Liebesbeziehung“ eingeht, als der Junge 13 Jahre alt war. 

Als Jutta Rinas schließlich im Rahmen ihrer einjährigen Recherche für den Podcast Kontakt zu einem Adoptivsohn Kentlers hat, verweigert dieser kurz vorher das anberaumte Interview. Per E-Mail verteidigt er Kentler sogar gegenüber der Journalistin, bevor er den Kontakt komplett abbricht und auch sein Facebook-Profil löscht. Psychologen erklären, wie Angst und seelische Schutzmechanismen ein Leben lang in sexuell missbrauchten Menschen wirken.

Ebenso beleuchtet die Podcast-Folge die Rechtefertigungsstrategien der Täter. Pädophile fänden unendlich viele Gründe, um ihr Handeln zu legitimieren, erläutern Psychologen. Charakteristisch sei auch die kognitive Verzerrung der Täter, die zum Beispiel oft davon überzeugt seien, dass die sexuellen Avancen von den Kindern ausgingen, oder dass sie einen positiven Einfluss auf die Kinder hätten.

Speziell zu Kentler bemerkt ein interviewter Psychologe: Dessen enorme Umtriebigkeit als Professor und Gutachter sei wie ein wissenschaftlicher Deckmantel für persönliche perfide Neigungen, „die auf die Ebene der Publizierbarkeit und Nachahmbarkeit gehoben werden sollen“.

Dass der Einsatz für benachteiligte Kinder nur taktische Fassade oder zumindest eine Selbstlüge ist, offenbare Kentler in seinen Gutachten, lautet das Fazit der dritten Folge. Wenn er nämlich als Gutachter vor Gericht Missbrauchstäter verteidigt, stelle er die jungen Opfer systematisch als verlogen und unglaubwürdig dar.

Kentlers Netzwerke

Die letzte Folge des Podcast blickt nun auf den eigentlichen Gegenstand der Kentler-Forschung: Kentlers Netzwerke, seine Unterstützer, stille Mitwisser, Behörden und Jugendämter, die ermöglicht, gedeckt oder einfach nur weggesehen haben. Viele Orte und Namen aus den Forschungsberichten werden genannt:

Der hannoversche Universitätsprofessor Helmut Kentler war kein Einzeltäter. Im Gegenteil: Er war gut mit anderen Missbrauchstätern vernetzt. Man kannte sich, schob sich sogar gegenseitig Jungen zu. Hannover, Göttingen, Berlin, Tübingen, Lüneburg, Heppenheim (Odenwaldschule) heißen die Tatorte.

Kentler erschuf sein Netzwerk für strukturellen Kindesmissbrauch nach einem bewährten Muster: Eine pädophile Pädagogen-Elite, die sich gegenseitig den Rücken stärkt, umgibt sich mit Kindern aus Randgruppen. Ihre Vernetzung reicht bis in die höchsten Ebenen der Politik und der Medien. Bis heute wurde keiner der Täter verurteilt.

„Ich denke, der Fall Helmut Kentler ist immer noch nicht auserzählt“, schließt Rinas die Podcast-Serie. „Was sein Netzwerk angeht, gibt es bestimmt auch noch einiges, was man ausbuddeln könnte.“ 

Kentlers pädophile Ideologie lebt weiter

Tatsächlich gäbe es noch etwas Wichtiges über Kentler zu erzählen, das nicht erst ausgebuddelt werden müsste. In der ersten Folge reißt der Podcast eine zentrale Fascette in Kentlers Wirken an, die nicht weiter verfolgt wird, die aber zu unzähligen weiteren Opfern seiner pädophilen Agenda führt – bis in die heutige Zeit und bis weit über Deutschland hinaus.

Als „der Begründer der emanzipatorischen Schule der Sexualpädagogik“ wird Kentler im ersten Teil des Podcast vorgestellt. Er wollte „nicht nur die Sexualität der Erwachsenen, sondern auch die der Kinder befreien“, sagt dort die Kentler-Expertin Teresa Nentwig und fasst zentrale Thesen Kentlers zusammen:

Teil seiner Gedankenwelt ist aber auch die Vorstellung, Kinder müssen von Geburt an sexuell angeregt werden. Ihre Sexualität könne sich wie die Sprache nur durch Einüben mit Hilfe der Erwachsenen entwickeln. Kentlers Aufforderung ‚Lernen durch Tun‘ mündet in die These, die Sexualität kann nur erzogen werden, wenn etwas Sexuelles passiert.

Der Kentler-Schüler und Pädagogikprofessor Uwe Sielert hat dieser pädophil kontaminierten Irrlehre zum internationalen Erfolg verholfen. Kentlers Gedankenwelt ist heute die Grundlage in sexualpädagogischen Institutionen und Organisationen wie pro familia, der BZgA und sogar der WHO. Die Weltgesundheitsorganisation verbreitet solche Thesen wie jene, dass Kinder von Geburt sexuelle Wesen seien und eine entsprechende Pädagogik bräuchten, in aller Welt.

Moderne Sexualpädagogik im Sinne Kentlers

Anlässlich der zunehmenden Berichterstattung über Kentlers Netzwerke und Experimente hat DemoFürAlle die Serie „Kentlers Erben“ veröffentlicht, um dessen nach wie vor immensen Einfluss auf die heute verbreitete Sexualpädagogik offenzulegen. Denn zu Kentlers Opfern zählen nicht nur jene Kinder, die an pädophile Pflegeväter vermittelt wurden. Sondern auch Kinder, die mit schamverletzender Sexualpädagogik (‚Lernen durch Tun‘) konfrontiert und somit für sexuellen Missbrauch anfällig werden, sind heute noch Opfer des 2008 verstorbenen Pädagogen. Wer heute unter dem Lable „Sexualpädagogik der Vielfalt“ oder „sexuelle Bildung“ in Schulen Kinder nachhaltig verstört, handelt ganz im Sinne Kentlers.

Sogar in Kitas findet die Sexualpädagogik Kentlers, getarnt als Missbrauchsprävention, immer weitere Verbreitung. Wer die Zusammenhänge einmal versteht, der möchte am liebsten laut Stopp rufen, wenn im Podcast ausgerechnet solche sexualpädagogischen Kinderschutzkonzepte für Kitas als Möglichkeit gepriesen werden, um solch unvorstellbare Taten künftig zu verhindern. Etwas Besseres als Missbrauchsprävention aus der Schule Kentlers und Sielerts kann einem Pädophilen gar nicht passieren.

An anderer Stelle zitiert der Podcast WHO-Statistiken zur sexuellen Gewalt, ohne Notiz davon zu nehmen, dass aus dem Hause der WHO die reinste Kentler-Lehre schamlos in den europäischen Ländern verbreitet wird. Über Kentlers immensen Einfluss auf die Sexualpädagogik erfährt das HAZ-Publikum nichts, obwohl Kentler-Biografin Nentwig in der ersten Folge jene kruden Thesen des Sexualreformers anführt, die heute von Vertretern der „sexuellen Bildung“ immer noch als Stand der Forschung verkauft werden. 

Dennoch gilt: Auch der historisierende Blick auf Kentler und dessen Netzwerke ist ein wichtiger Teil der Aufarbeitung. Die Universität Hildesheim bearbeitet seit Oktober 2025 das nächste Projekt, in dem gezielt die sexualisierter Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe in Niedersachsen tiefer analysiert werden soll. Noch wichtiger ist es allerdings, heute alle Kinder effektiv vor der Sexualpädagogik Kentlers und seiner Erben zu schützen.