Beate Martin, Jahrgang 1958, ist Pädagogin, Sexualtherapeutin und Psychotherapeutin. Seit vielen Jahren ist sie Dozentin des Instituts für Sexualpädagogik (isp), Fachkraft bei pro familia und Autorin zahlreicher Publikationen zur Sexualpädagogik. Zu ihren Schwerpunkten gehören die „kindliche Sexualität“, „Jugendsexualität und Teenagerschwangerschaften“, „Mädchenarbeit, gendersensible Erziehung und sexuelle Orientierung“ sowie „Sexualerziehung und sexuelle Bildung in den verschiedenen Lebensphasen und im interkulturellen Kontext“.
In den 1990er Jahre veröffentlichte Martin zusammen mit Lothar Kleinschmidt und Andreas Seibel das Buch „Lieben, Kuscheln, Schmusen“ in mehreren Auflagen in der „Sexualpädagogischen Reihe“ von pro familia NRW. Die Spielvorschläge des 116 Seiten langen Ratgebers für die Sexualerziehung von Kindern sorgten für einen Skandal: Kita-Kinder sollen zum Beispiel Kondome aufblasen und damit spielen, die eigenen Geschlechtsteile und die ihrer Eltern malen oder in einer Reihe stehend sich gegenseitig ihre Geschlechtsteile begutachten, kneifen und streicheln. Sogar die Aufforderung sich gegenseitig „anzupupsen“ und zu „beschnüffeln“ empfiehlt Martin. Und immer wieder sollen Kita-Kinder nackt miteinander umgehen und sich mit Nacktaufnahmen beschäftigen. Das Landesfamilienministerium NRW verurteilte die Übungen damals als „geschmacklos“ und „absolut ungeeignet für die Sexualaufklärung“.
Das Thema „Sexuelle Bildung in der Kita“ bearbeitet Martin 30 Jahre später immer noch. Heute formuliert sie ihre Anleitungen zur Sexualisierung kleiner Kinder jedoch weniger plump und explizit. Vielmehr stimmt sie mit ein in den Chor ihrer isp-Kollegen, die die unwissenschaftliche Behauptung von einer „psychosexuellen Entwicklung“ kleiner Kinder verbreiten. Wie sämtliche Vertreter der „sexuellen Bildung“ beschreibt Martin die Unterschiede zwischen einer vermeintlichen „kindlichen Sexualität“ und der Erwachsenensexualität mit dem Ziel, etliche Varianten kindlichen Verhaltens als „sexuell“ deklarieren und somit als förderungsbedürftig einstufen zu können. Dass diese Sichtweise wissenschaftlich nicht belegt und heftig umstritten ist, stört Martin nicht.
Kindern einen Zugang zu sexuellen Themen ermöglichen
Ihr Beitrag „Schützen und Fördern“ (kindergarten heute, 3/2025) über die „körper- und sinnesfreundliche Begleitung von Kindern in der Kita“ holt Erzieher und Eltern mit angeblich typischen Kinderfragen ab: „‚Wie genau geht Sex? Wie kommen die Babys in den Bauch?‘, können Fragen sein, auf die Kinder eine Antwort erhalten sollten.“
Zumindest die erste Frage erscheint für Kindergartenkinder ungewöhnlich. Es folgt eine Frage, die Eltern eigentlich schon immer beantworten mussten. Wer soll den Kindern eine Antwort auf solche Fragen geben? Martin ist der Ansicht, dass intime Themen nicht allein in das erzieherische Hoheitsgebiet der Eltern gehören:
Die Kita hat eine familienergänzende Aufgabe in der altersangemessenen Begleitung von Kindern. Sexuelle Bildung in der Kita zu verankern, ist ein wichtiger Bestandteil des Erziehungsauftrags.
Viele Eltern sehen das anders. Sie wünschen sich, dass die Erzieherin ihnen beim Abholen sagt, dass ihr Kind sensible Fragen stellt. Sie würde den Eltern somit die Gelegenheit geben, mit ihrem Kind als erstes und in ihrem Sinne das Thema zu besprechen. Dieser Grundsatz wird unterlaufen: Die „sexuelle Bildung“ will pro-aktive Wege gehen, um „Kindern einen Zugang zu Themen“ zu ermöglichen, „die sie selbst und ihren Körper betreffen“:
„Sexuelle Bildung“ soll „den Prozess des Begreifens“ anstoßen und den Wissenserwerb fördern – durch aktives Zuhören, Gespräche oder altersangemessene Bücher. „Wenn Letztere Kindern zugänglich sind, können diese selbst entscheiden, ob und wann sie sich für das Thema interessieren“, schreibt Martin. Allerdings sind Aufklärungsbücher für Kinder von pro familia, den Autoren der „sexuellen Bildung“ oder gar aus dem queeren Spektrum oft so irritierend oder gar verstörend für Kinder, dass sie sich zwangsläufig interessieren müssen. Die Bilder, Texte und Übungen aktivieren Empfindungen und auf „Sexuelles“ gerichtete Phantasien. Sie berühren das Intime in schamverletzender Weise, so dass eine Entscheidung, sich zu interessieren oder eben nicht, wie bei einem Buch über Pferde oder Autos, nicht mehr möglich ist.
Das Schaffen sexueller Situationen als pädagogisches Ziel
Woher kommt die Motivation, kleine Kinder mit der Nase auf sexuelle Themen zu stoßen? Die Grundlage hierfür ist die emanzipatorische Sexualpädagogik Helmut Kentlers. Jahrzehnte lang prägte der pädophil aktive Pädagogikprofessor die deutsche Sexualerziehung und beeinflusste auch das Umfeld und die Ausrichtung des isp. Kentlers zentrale These, dass Kinder von Geburt an „sexuelle Wesen“ seien, die in ihren „sexuellen“ Empfindungen und Entwicklungen aktiv durch ihre Erzieher zu fördern seien, wurde von seinem Meisterschüler Uwe Sielert, dem Gründer des isp, weiterentwickelt. Im Sinne der aktiven sexuellen Förderung sind auch die weiten pädagogischen Spielräume zu verstehen, die Martin mit Empfehlungen wie der folgenden aufmachen möchte:
In Bezug auf sexuelle Bildung zählen zum Beispiel die Bedürfnisse nach Nähe und Körperkontakt (Kuscheln, Trösten), Rollenspiele, offene Fragen rund um Körper, Schwangerschaft und Geburt sowie Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten dazu. Sexuelle Bildung in der Kita hat wenig mit typischen Aufklärungsgesprächen zu tun. Es geht vielmehr um die körper- und sinnesfreundliche Begleitung im Spiel mit sich selbst, anderen Kindern und Erwachsenen.
Kentlers Grundsätze waren „Lernen durch Tun!“ und „Sexualität kann nur erzogen werden, wenn etwas Sexuelles passiert“. Sie sind die Basis der „sexuellen Bildung“. Auch Martin folgt in ihren Publikationen den Kentlerschen Prämissen. Ihr geht es darum, pro-aktiv Situationen zu schaffen, in denen Kinder etwas über Sexualität sinnlich erfahren.
Wie wichtig ihr das ist, wird auch in einem unerwarteten Zusammenhang deutlich, nämlich in ihrem Handout zum Workshop „Sex gehört dazu – Jugendliche zwischen Normalität und übergriffigem Verhalten“ (2011). Hinsichtlich der sexuellen und sozialen Entwicklung von Jugendlichen listet Martin einige Verhaltensauffälligkeiten auf, die möglicherweise pädagogische „Achtsamkeit“ erfordern. Neben Verhaltensweisen, die unbestritten in eine solche Liste gehören, wie etwa „frühe sexuelle Beziehungen“, „unangemessenes sexualisiertes Verhalten in Sozialkontakten“ oder eine „extrem sexualisierte Sprache“, taucht auch dieser auf: „Eine grundsätzliche Ablehnung gegen Spiele mit sexuellen Inhalten“. Gemeint ist wohl ein Teenager, der nicht mit „Wahrheit oder Pflicht“ spielt und sich der Hyper-Sexualisierung seiner Generation entzieht. Aus Sicht einer Sexualtherapeutin, deren Wirken das Schaffen sexueller Situationen zum Ziel hat, mag das wie eine Verhaltensauffälligkeit erscheinen.
„Hochzeitsnacht“ und „bumsen“ pantomimisch darstellen
Martin hält sich trotz des Skandals in den 90ern nicht mit detailierten Anleitungen sexualpädagogischer Übungen zurück. 2017 veröffentlicht Martin mit ihrem isp-Kollegen Jörg Nitschke das Methodenbuch „Sexuelle Bildung in der Schule“ für die Jahrgangsstufen vier bis zehn. Sexualerziehung soll sich „fächerübergreifend“ und in Projektwochen an den „Prinzipien des ganzheitlichen und multisinnlichen Lernens orientieren“, heißt es zu Beginn. Die Übungen sollen die Schüler körperlich, kognitiv und emotional ansprechen, sie aktiv einbeziehen und für unterschiedliche „Liebesweisen“ sensibilisieren. Externe Pädagogen von pro familia könnten die Themen „lebensnäher“ gestalten und die Schulen in ihrem „Bildungsauftrag“ unterstützen.
Ihren eigenen „Normalitätsbegriff“ sollen die Schüler hinterfragen, empfiehlt Martin, und weist auf „Richtlinien“ hin, wonach Schüler dem Unterricht nicht fernbleiben dürften, ob nun aus Desinteresse oder aus Scham. Letztere soll schon Kindern im Grundschulalter abtrainiert werden, wenn Lehrkräfte „Facetten von Erwachsenensexualität“ erläutern wie etwa „Analverkehr“. Stellen die Schüler nicht von sich aus Fragen, soll eine Begriffesammlung rund um „Geschlechtsverkehr“ nachhelfen:
Alles ist erlaubt, auch Wörter, die sie nicht aussprechen mögen. Das bedeutet, dass sie auch aufgefordert werden, Begriffe aus der so genannten Vulgär-, oder Umgangssprache aufzuschreiben.
Anschließend sollen die Kinder im Klassenverband üben, über Sexuelles zu sprechen, anhand von vorbereiteten Bildern, die Geschlechtsorgane oder Varianten des Geschlechtsverkehrs zeigen. Martins Ziel: die „Förderung der sexuellen Selbstbestimmung.“ Das heißt, die Sexualisierung der Schüler soll nicht allein den Peers oder Medien überlassen sein.
Martin reiht Übung an Übung als hätte es wenige Jahre zuvor den bundesweiten Aufruhr um die ähnlich konzipierte „Sexualpädagogik der Vielfalt“ nicht gegeben, in deren Folge sich auch DemoFürAlle gegründet hatte. Zehnjährige sollen mit Knete die inneren und äußeren Geschlechtsteile „in ihrer Vielfalt“ modellieren oder in einem „Grabbelsack“ Kondome, Pillepackungen oder BH erfühlen und hervorziehen sowie ihre Assoziationen dazu den Mitschülern kundtun. Achtklässlern werden Begriffe wie „Hochzeitsnacht“, „Jungfernhäutchen“, „bumsen“, „Orgasmus“, „Selbstbefriedigung“, „Morgenlatte“, „einen Steifen kriegen“ oder „Homosexualität“ zur pantomimischen Darstellung angeboten. Schließlich sollen sie Anmachsprüche ausprobieren und „das erotische Flirten“ üben.
„Körpervorgänge und -erlebnisse müssen erfahrbar gemacht werden“
Martin weiß genau, was sie in den Klassen auslösen will: „Lachen, Sprüche klopfen oder witzeln ist beim Thema Aufklärung nicht vermeidbar, sogar wünschenswert, weil sie zur Auflockerung und zur Verringerung von Scham und Peinlichkeit beitragen.“ Das stimmt. Kinder, die solchen Programmen ausgesetzt sind, verlieren Hemmungen und trainieren ihr Schamgefühl ab. Bei den so beschulten Pubertierenden ist davon auszugehen, dass sie es bald nicht mehr bei pantomimischen Übungen belassen.
Auch das ist einkalkuliert: Siebtklässler sollen verschiedene Verhütungsmethoden kennenlernen und am Modell praktisch ausprobieren. Mit Blick auf ihr „erstes Mal“ sollen sie lernen, unbefangen über Verhütung zu sprechen. Mädchen ab der sechsten Klasse sollen zum Frauenarztbesuch ermuntert werden. Seitenweise geht es um eine Hinführung der jungen Schüler zur sexuellen Praxis. So werden auch Kondome als Preis für erfolgreiche Übungen ausgelobt. Zum Umgang mit Eltern, die mit all dem nicht einverstanden sind, schreibt Martin:
Viele Eltern befürchten, dass ihr Kind durch Sexualerziehung zu früh zu sexuellen Aktivitäten angeregt werden könnte, deshalb sollten sich Eltern gut über die schulischen Ziele und Inhalte der Sexualerziehung informiert fühlen.
Der Unterschied zwischen „informiert sein“ und „sich informiert fühlen“ ist kein zufälliger, denn Martin betont, wie „hartnäckig“ die Angst vor Sexualisierung in den Köpfen verwurzelt sei. Auf Nachfrage müsse man da transparente Erklärungen liefern können. „Wenn zudem noch den Körper einbeziehende Methoden im Unterricht eingesetzt werden, ist die Skepsis besonders groß“, betont Martin.
Doch der Schutz Heranwachsender vor sexueller Gewalt mache ein „multisinnliches und ganzheitliches“ Lernen in der Sexualerziehung notwendig, räumt Martin die Bedenken beiseite. „Erlebtes und eigene Erfahrungen“ wirkten nachhaltiger als nur darüber Reden, verweist Martin auf die Erlebnispädagogik. Deshalb sollten weiterhin „körpernahe Methoden“ angeboten werden. Ihr Fazit zum „ganzheitlichen Lernen“: „Körpervorgänge und -erlebnisse müssen erfahrbar gemacht werden, um das kognitiv-orientierte Lernen um körperlich-emotionale Elemente zu erweitern.“
Die apodiktische Behauptung, aufgeklärte Kinder seien besser gegen sexuellen Missbrauch geschützt, erinnert an Kentler. Der schrieb 1981: „Sexuell befriedigte Kinder (…) sind vor sexueller Verführung und sexuellen Angriffen am besten geschützt.“ Und: „Das sexuell unerfahrene Kind reagiert auf sexuelle Verlockungen ängstlich, unsicher, aber auch neugierig, und darum verfällt es einem Erwachsenen viel leichter als das sexuell aufgeklärte Kind.“
Kentlers Einschätzung zielte offenkundig darauf ab, dass ein Kind, das von klein auf daran gewöhnt wird, sich unter Anleitung von Erwachsenen hemmungsfrei mit „Sexuellem“ zu beschäftigen, einem gewaltfrei sexuell agierendem Erwachsenen zwar nicht „verfällt“, aber wahrscheinlich freiwillig das mitmacht, was er anbietet.
Kinsey-Report als wissenschaftliche Quelle
Aus gutem Grund bezieht sich Martin nicht direkt auf Kentler, sondern „nur“ auf dessen US-amerikanischen Stichwortgeber und Bruder im Geiste: Alfred Kinsey. Im Kapitel „Sexuelle Idenitäten“ zitiert sie eine Befragung Kinseys aus den fünfziger Jahren, wonach „ein Fünftel der Frauen und die Hälfte der Männer“ noch vor Vollendung ihres vierzigsten Lebensjahres mindestens einmal Sex mit einem Partner des gleichen Geschlechts hatten. Was bei Martin als Beleg für eine normale Wechselhaftigkeit im erotischen Begehren gelten soll, beruht jedoch auf äußerst unseriösen Erhebungen. Kinsey führte einen Großteil seiner Umfragen unter Homosexuellen, Prostituierten und Gefängnisinsassen durch.
Vor allem wegen seiner sadistischen und pädokriminellen Experimente gilt der sogenannte Kinsey-Report bereits seit Jahrzehnten nicht mehr als wissenschaftliche Referenz zum Thema „kindliche Sexualität“. Martin dürfte das bekannt sein. Für sein Kapitel „Die frühe sexuelle Entwicklung und Betätigung“ nutzte Kinsey die Beobachtungen von hunderten Kinderschändern. Mit Stoppuhr und Notizheft ausgestattet notierten diese, wie oft und wie lange die von ihnen missbrauchten Kinder und sogar Säuglinge zum Orgasmus gekommen seien. „Anhaltend“ und „wiederholt“ wurden sie dafür von ihren Peinigern „stimuliert“. Diese Grausamkeiten sind die Datenbasis, auf der Kinseys und Kentlers Behauptung vom Kind als sexuellem Wesen fußen.
Kentlers emanzipatorische Sexualpädagogik und die „Sexuelle Bildung“ sind die pädagogische Fortschreibung dieser pädokriminellen Sexualforschung. Keine seriöse entwicklungspsychologische Studie belegt die unseriöse These von der „kindlichen Sexualität“ beziehungsweise vom Kind als sexuellen Wesen. Bisher gibt es zur „kindlichen Sexualität“ nur Interpretationen von Erwachsenen.
Beate Martin muss sich die Frage gefallen lassen, in wessen Tradition sie steht – und mit welcher Motivation. Konsequent schreibt sie Kindern eine unbewiesene und letztlich unbeweisbare Sexualität zu, und es ist ihr pädagogisches Ziel, Kinder „multisinnlich“ zu sexualisieren. Damit erfüllt sie alle Voraussetzungen, um unter Kentlers Erben eine Schlüsselposition einzunehmen. Sie sorgt durch ihre Dozententätigkeit am isp für die Weitergabe seiner Grundsätze an nachwachsende Sexualpädagogen und -pädagoginnen. Anlässlich einer außerordentlichen Mitgliederversammlung 2024 wurde sie in den Vorstand von pro familia NRW gewählt.
Hinweis: Das Titelbild dieses Beitrags wurde mithilfe künstlicher Intelligenz generiert und stellt keine reale Szene dar.
