Digitalzwang ab Kita: Eltern unter Druck

Die Unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat am 24. Juni ihre 56 Handlungsempfehlungen an Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien (CDU) übergeben. Neun Monate lang haben die 18 Experten an dem Papier gearbeitet, das Grundlage für die im Koalitionsvertrag vereinbarte Gesamtstrategie der Bundesregierung zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt werden soll.

Doch wer Schutz erwartet, findet vor allem eines: den politischen Fahrplan für eine frühe, verbindliche und rechtlich abgesicherte Heranführung von Kindern an digitale Medien. Statt Kinder möglichst lange vor süchtig machenden Algorithmen, Kurzvideos und KI-Anwendungen zu bewahren, setzen die Empfehlungen auf frühe Medienbildung, digitale Teilhabe und staatlich definierte „Risikokompetenz“.

Eltern unter Verdacht: „Digitale Vernachlässigung“ ins BGB?

Besonders brisant ist die Empfehlung der Kommission, den Tatbestand der „digitalen Vernachlässigung“ im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) sowie ein Recht der Kinder und Jugendlichen auf eine „entwicklungsangemessene Medienerziehung“ zu verankern. Hier verbirgt sich ein massiver Angriff auf das Erziehungsrecht der Eltern. Die wären dann nämlich per Gesetz dazu angehalten, „die wachsenden Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes auch im digitalen Raum zu berücksichtigen“. Das heißt: Wenn der Gesetzgeber Medienbildung anordnet, entscheiden nicht mehr die Eltern, ab wann ihr Kind digitale Medien nutzt. 

KI-Seepferdchen statt Kinderschutz

Für Kita und Grundschule empfehlen die Experten darüber hinaus eine massive Ausweitung digitaler Bildung. Bereits bei Drei- bis Fünfjährigen soll Medienbildung beginnen. Sogar „KI-Kompetenz“ und „KI-Seepferdchen“ in der Grundschule sollen verpflichtender Bestandteil der frühen Bildung werden, heißt es in den Empfehlungen, die keine wissenschaftlichen Quellen nennen.

Das widerspreche allen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen, die nahelegen, dass digitale Angebote in der Kita überhaupt nichts zu suchen haben“, warnt Neurowissenschaftler Prof. Joachim Bauer, der sich seit Jahren mit den Gefahren der Digitalisierung für Kinder und Jugendliche auseinandersetzt. Er zweifelt sogar die Unabhängigkeit der Expertenkommission an, da das Ergebnis „sehr stark nach Lobbyismus riecht.“ Die 18 Experten kommen aus den Bereichen Rechtswissenschaft, Medizin, Psychologie, Kriminologie, Pädagogik und Bildungsforschung. Sie sind hier aufgelistet

Aufgeschlüsselt für die jeweiligen Altersgruppen gehe es den Experten durchweg darum, wie man Kindern die Nutzung digitaler Medien pädagogisch vermitteln könne, stellt Bauer fest. Hingegen seien die primären Bedürfnisse und die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung in der Kindheit kein Thema auf den über hundert Seiten, die den langen Titel tragen: „Entwicklung stärken, Verantwortung übernehmen. Für ein gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt. Handlungsempfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission ‚Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt’“. 

Statt die Welt der süchtig machenden Algorithmen und Kurzvideos soweit wie möglich nach hinten ins späte Jugendalter zu verschieben, zum Beispiel durch Handyverbote an Schulen, setzen die Experten auf Medienkompetenz.

„Maßnahmen dienen ungestörter Vermarktung digitaler Angebote“

Für Bauer liegt darin der eigentliche Skandal: Die Gefahren digitaler Räume werden in den Empfehlungen zwar durchaus benannt – von Cybergrooming über Pornografie und Gewaltinhalte bis hin zu exzessiver Nutzung. Doch statt den Zugang von Kindern konsequent zu begrenzen, setzen die Experten auf Medienkompetenz, Selbstregulation, Jugendschutz „by Design“ und den Ausbau sozialer und psychologischer Hilfen.

In seiner DemoFürAlle vorliegenden Stellungnahme zieht Bauer deshalb ein vernichtendes Resümee:

Die vorgeschlagenen Maßnahmen dienen vor allem der ungestörten Vermarktung digitaler Angebote bis in die frühe Kindheit hinein. Dem Schutz von Kindern und Jugendlichen dienen sie nicht. – Prof. Dr. med. Joachim Bauer, 24. Juni 2026

Was Kinder statt flimmernder Bildschirme wirklich brauchen, und mit welchen Einflüssen und Gefahren digitale Medien die Kindheit belasten, erfahren Sie in unserer Broschüre „Digitale Kindheit – digitaler Alptraum“.