Holger Dörnemann: Wegbereiter der „sexuellen Bildung“

Die „sexuelle Bildung“ steht nicht nur konkurrenzlos in staatlichen Bildungsplänen, sondern sie ist auch in der katholischen Bildungsarbeit zunehmend verbreitet. Wie konnte sich die emanzipatorische Kentler-Sielert-Schule in der katholischen Sexualpädagogik festsetzen? Unter anderem dem Religionspädagogen Holger Dörnemann ist es zuzuschreiben, die Sexualisierungs- und LSBT-Propaganda der Kentler-Erben dort etabliert zu haben, wo eigentlich das christliche Menschenbild die Lehrtätigkeit und damit auch die Sexualpädagogik prägen sollte.

Dörnemann, Jahrgang 1967, ist Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit 2018 Sexualpädagoge der Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp). Von 2013 bis 2017 war er Berater der Kommission Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz. Darüber hinaus gelang es Dörnemann in jenen katholischen Gremien Fuß zu fassen, die für einen lenkenden Einfluss auf sexualpädagogische Prozesse und Änderungen relevant waren. So ist der studierte Theologe, Psychologe und Philosoph seit 2018 stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF) und seit 2020 Berater im Synodalforum „Leben in gelingenden Beziehungen. Liebe und Sexualität“ des Synodalen Wegs. Seit 2021 ist Dörnemann Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Ein Beispiel für Dörnemanns Beitrag zur Verbreitung der Kentler-Sielert-Schule sind die „Leitlinien sexualpädagogische Kompetenz in der Pastoral / in kirchlichen Handlungsfeldern“ des Bistums Limburg aus dem Jahr 2022 (DFA berichtete). Dörnemann war für die Endredaktion mitverantwortlich. Anstelle der lehramtlichen Sexualmoral ist nun die emanzipatorische Sexualpädagogik Kentlers in den Limburger Leitlinien festgeschrieben: Sexualität sei eine „positive Lebenskraft“ des Menschen, der von Beginn an ein sexuelles Wesen sei, heißt es in dem Papier. Jeder Mensch habe ein „Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“, weshalb Sexualpädagogik eine wichtige Bildungsaufgabe in allen pädagogischen Arbeitsfeldern sei, „vom Säuglingskurs bis zur Sterbebegleitung“.

Ein eigener Punkt in den Leitlinien umfasst die „sexuelle Orientierung, Geschlechtervielfalt und Familienmodelle“. In gegenderter Sprache heißt es, „Mitarbeitende“ im Bistum hätten hinsichtlich der sexuellen Identität und Orientierung „Vielfalt und Diversität wertzuschätzen“. Letztlich geht es um eine Perversion der Lehre. Der Mensch kreiert seine Beziehungen in grenzenloser Queerness, er gibt sich seine Moral selbst, und die Kirche habe zu „respektieren“, „anzuerkennen“ und zu „begrüßen“.

Sexualität – „die stärkste Herausforderung“ im Leben

Der Einfluss Dörnemanns auf solche Leitlinien wie in Limburg oder auf das „Rahmenkonzept für sexuelle Bildung an den katholischen Schulen im Erzbistum Hamburg“ betrifft nicht nur die Verantwortungsebene der Endredaktion, sondern gewiss auch die inhaltliche Ausgestaltung. Zum Beispiel ist die Überbetonung der Sexualität zur zentralen und existenziellen Frage des Menschseins charakteristisch für Dörnemann.

Die Herauslösung der Sexualität aus den anderen und mit ihr verbundenen Zusammenhängen eines gelingenden Lebens findet sich in den Limburger Leitlinien: „Sexualität kann Menschen in auf Dauer, Vertrauen und Verbindlichkeit angelegten Beziehungen, Ehen und Familien verbinden.“ Das bedeutet, es ist nicht mehr Gott, der die Eheleute verbindet, und ihre Liebe zueinander, sondern der Sex.

Dieser Superlativ ist auch der Leitgedanke, mit dem Dörnemann sein ebenfalls 2022 erschienenes sexualpädagogisches Grundlagenwerk „Sexuelle Bildung aus christlicher Perspektive. Für Erziehung, Pädagogik und Gemeindepraxis“ eröffnet: „Die stärkste Herausforderung“, die den Menschen ein Leben lang bewegt, „ist die Entwicklung der eigenen sexuellen Identität und die Gestaltung der Sexualität in Beziehung.“

Die Ansicht, es handele sich hierbei um die stärkste unter den zahlreichen Herausforderungen im Leben, erinnert an das Selbstverständnis mancher Aktivisten aus dem LSBT-Milieu, die ihre sexuelle Orientierung, manchmal sogar nur sexuelle Vorlieben, tatsächlich zur zentralen Säule ihrer Identität stilisieren. Diese postmoderne Konstruktion von Identität und ihre einseitige Zuspitzung auf das Sexuelle möchte Dörnemann sexualpädagogisch unterstützen:

Mit Uwe Sielert sehen wir in der Begleitung einer „selbstreflexiven sexuellen Identität“ gleich welcher sexuellen Orientierung die zentrale Aufgabe auch und gerade einer Sexualpädagogik aus christlicher Perspektive. (S.120)

Die „Sexuelle Bildung aus christlicher Perspektive“, an der auch der Religionspädagoge Stephan Leimgruber als Autor mitgewirkt hat, ist keine reine Abschrift der Kentler-Sielert-Schule. Sondern sie ist eine argumentative Zusammenführung gegensätzlicher Pole, was zu einer Vermischung der ursprünglichen Lehre mit dem emanzipatorischen Thesen der sexuellen Revolution führt. Die Verwässerung betrifft auch die christlichen Grundannahmen, etwa in dem Kapitel „Fünf Sinndimensionen menschlicher Sexualität: Identität, Beziehung, Lust, Fruchtbarkeit und Transzendenzoffenheit“. So lässt Dörnemann keinen Zweifel daran aufkommen, dass transzendente Erfahrungen in der Sexualität, also die geschlechtliche Begegnung „mit dem Partner/der Partnerin“ als „Ort der Gottesbegegnung“, sämtliche sexuelle Paarkonstellationen einbezieht. Auch die generative Dimension der Sexualität könnten homosexuelle Paare erfahren, „z.B. in Regenbogen-Familien, aber wie bei allen anderen Paaren auch in den vielfältigsten Weisen, in denen ihre Beziehung fruchtbar wird.“

Es gibt ein ‚zu früh‘ für das ‚erste Mal‘“

Unterm Strich wird dem Leser zu den Fragen der Sexualität eine theologische Rechtfertigung der menschlichen Abkehr von den Geboten Gottes präsentiert, die sexualpädagogisch begleitet werden soll. Einerseits wähnt man sich auf einem evangelischen Kirchentag, wenn Dörnemann in dem Kapitel „Angebote für LSBTI*-Personen und -Paare“ Beziehungs-Workshops für gleichgeschlechtliche Paare oder ein „spirituelles Wochenende für Frauen, die Frauen lieben“ näher vorstellt. Andererseits schimmern aber auch die Einflüsse des christlich-moralischen Kompasses durch, wie in der „Diskussion über Sexualkontakte junger Erwachsener“:

Es dürfe „offen und kritisch bemerkt werden, dass es in der Tat ein ‚zu früh‘ des ‚ersten Mals‘ gibt“, schreibt Dörnemann.

Wenn im Schulalter noch keine Aussicht auf eine berufliche Tätigkeit und Selbstständigkeit gegeben ist, wenn die Loslösung von den Eltern in vollem Gange ist, wenn die Tragweite einer sexuellen Partnerschaft noch nicht absehbar ist und der soziale Druck von den Gleichaltrigen groß erscheint, dann sollten sich Jugendliche nicht um jeden Preis drängen lassen.

Es fehlten noch tragfähige Motive für eine so tiefgehende persönliche Bindung, welche die Sexualität mit sich bringt und ausdrückt, präzisiert Dörnemann, „gelegentlich sogar das Hauptmotiv der Liebe“. Deshalb sollten „in Schule und Jugendarbeit, idealerweise in der Herkunftsfamilie“ offen über die komplexe Problematik von „Liebe, Sexualität und Partnerschaft/Ehe“ gesprochen werden. „Hierbei könnten Argumente ins Spiel gebracht werden, die nachdenklich machen und in Frage stellen, ob bereits 14-17-jährige Jugendliche sexuelle Beziehungen aufnehmen sollen“, empfiehlt Dörnemann, als wäre er ein TeenStar-Kursleiter. Auch in dem Kapitel „Schulnahe sexualpädagogische Workshops für ältere Kinder und Jugendliche“ skizziert Dörnemann mit dem standardisierten MFM-Workshops (My Fertility Matters) und dem darauf aufbauenden „WaageMut-Workshops“ zwei seriöse sexualpädagogische Konzepte, die von der sexualisierenden Agenda, wie sie pro familia oder die LSBT-Lobby in Schulen betreiben, weit entfernt sind.

Kindliche Sexualität“ – Verbreitung zentraler Kentler-Sielert-These

Kentler am nächsten kommt Dörnemann in Kapitel 2, das den Titel „Sexualität als anthropologische Grundgegebenheit – Humanwissenschaftliche Perspektiven und entwicklungsspezifische Bildungsaufgaben“ trägt. In stetem Bezug auf Vertreter der Kentler-Sielert-Schule, wie zum Beispiel Wanzeck-Sielert oder Jörg Maywald, stellt Dörnemann die „Sexualität beim Kleinkind und in der Familie“ oder den „Umgang mit Sexualität im Kindergartenalter“ dar. Die zentrale Kentler-These von der „kindlichen Sexualität“ bespricht Dörnemann ausführlich anhand Freuds veralteten Phasenmodells. Der Leser muss den Eindruck gewinnen, als handelte es sich um den aktuellen Stand seriöser empirischer Forschung zur Entwicklung von Kindern:

Kinder erleben ihre Sexualität – wie andere erste Fähigkeiten (z.B. saugen, greifen) – ganz auf sich selbst bezogen und genussorientiert. Sie suchen spontan und unbefangen Lust – neugierig, entdeckend, mit allen Sinnen.

Dörnemanns entwicklungspsychologisch falsche Einbettung kindlicher Verhaltensweisen und Entwicklungsschritte in einem übergeordneten Konzept „kindlicher Sexualität“ führt zu dem für Kentler und seine Erben charakteristischen Leitmotiv, eben jene „kindliche Sexualität“ zu fördern.

Auch hier ist anzumerken, dass Dörnemann die Linie der „sexuellen Bildung“ nicht eins zu eins übernimmt. Zwar stellt er in Anlehnung an Maywald sowohl „Körpererkundungspiele“ als auch „Regeln für den Umgang untereinander“ knapp vor (Nichts in Körperöffnungen stecken, „ein Nein ist ein Nein“), doch er zitiert in diesem Zusammenhang auch die Sexualpädagogin Karla Etschenberg, die als vehemente Kritikerin der „sexuellen Bildung“ gilt:

Alle Erwachsenen – so heißt es in Leitsätzen zur Erziehung im Umfeld frühkindlicher Sexualität – ‚sind dazu aufgefordert, die leib-seelische Entfaltung des Kindes zu achten, zu begleiten, zu schützen und zu fördern‘ (vgl. Curriculum Kindertageseinrichtungen 2018), ohne sie in eine ‚sexualisierte Erwachsenenwelt hineinzuziehen‘ Etschenberg 2019).

Hat Dörnemann der Kentler-Sielert-Schule nun eigentlich einen Dienst erwiesen? Da der habilitierte Religionspädagoge sich als Schnittstelle zwischen der katholischen Lehre und Sielerts „sexueller Bildung“ etabliert hat, ist es interessant zu lesen, wie Sielert das selbst bewertet. In der „Zeitschrift für Sexualforschung Thieme“ hat Sielert eine mehrere Seiten umfassende Buchbesprechung geschrieben. Sinngemäß lässt sich Sielerts Fazit so umschreiben:

Dörnemanns Verdienst ist es, den Begriff „sexuelle Bildung“ weit hinein in die katholische Lehre zur Sexualmoral gebracht zu haben, und somit ist auch die hinter diesem Begriff stehende Ideologie bereits ein gutes Stück weit in die katholische Bildungsarbeit eingedrungen. So erwähnt Sielert beispielsweise lobend: „Sogar das heiße Thema Pornografie wird thematisiert mit einer leichten Öffnung der Didaktik zur medialen Pornografiekompetenz.“

Sielert kritisiert „radikalen Liebes- und Beziehungszentrismus“

Mehrmals lässt Sielert aber durchblicken, dass Dörnemanns und Leimgrubers Buch den sexualpädagogischen Charakter der „sexuellen Bildung“ nicht ausreichend genug transportiert:

„Andere sexuelle und geschlechtliche Varianten, wie etwa die Bi- oder Formen der Intersexualität, werden nur gestreift, queere Verhaltensweisen von Polysexualität oder Polyamorie bleiben unerwähnt. Obwohl die theologische Würdigung diverser sexueller Identitäten in Kapitel 3 angelegt ist, scheuen die Autoren offenbar noch, die Konsequenzen für ein variantenreiches sexuelles Leben zu formulieren. (…) Der Lustaspekt wird im vorliegenden Konzept durch den radikalen Liebes- und Beziehungszentrismus deutlich abgewertet: Ohne Liebe sei sexuelles Verhalten Machtausübung, Mechanik, Gewalt oder Missbrauch (vgl. S. 127). Überhaupt ist im pädagogischen Teil des Textes wesentlich häufiger von den „Nöten, Fragen und Problemen der Jugend“ (S. 26) die Rede als von Lust und sexuellem Wohlbefinden.“ – Uwe Sielert, 2022

Sielert dürfte auf den weiteren „Erfolg der im synodalen Weg angestoßenen Reformen“ bauen, zu denen gewiss auch Dörnemann beigetragen hat, wenn er dessen Buch abschließend allen „Interessent*innen“ empfiehlt, „die nicht nur am interreligiösen Dialog, sondern grundsätzlich an der Weiterentwicklung von sexueller Bildung interessiert sind.“

Die Person Dörnemann in ihrer Rolle als Religionspädagoge lässt sich hingegen nicht gänzlich in das Schema „Kentlers Erben“ einordnen. Dörnemann ist erwiesenermaßen ein nützlicher Wegbereiter der Kentler-Sielert-Schule, der aber zumindest in seinen Veröffentlichungen ideologisch deutlich dahinter zurückbleibt. Doch durch die Tür, die Dörnemann der „sexuellen Bildung“ aufgestoßen hat, treten längst schon andere Erben Kentlers ein, die weder das christliche Menschenbild noch die katholische Sexualmoral im geringsten interessiert.

Hinweis: Das Titelbild dieses Beitrags wurde mithilfe künstlicher Intelligenz generiert und stellt keine reale Szene dar.